Meine Füße überschlagen sich fast, während ich die Treppen des Bahnhofs der Eisenacher Straße so schnell wie nur möglich hinuntersteige. Es ist eine fließende, runde Bewegung, meine Füße berühren den Beton nur für Bruchteile einer Sekunde. Unten angekommen noch ein, zwei, drei große Schritte und schon bin ich in der Bahn Richtung Rudow. Das Abenteuer kann beginnen. Ich habe einen Anruf von meinem Chef bekommen, er meinte ich solle schleunigst zum Maybachufer fahren, da den Stand entgegennehmen und meine Schicht frühzeitig beginnen, weil er mit seinem Zeitplan durcheinander gekommen ist. Mal wieder typisch. Also habe ich mich pflichtbewusst auf den Weg gemacht, mit der Hoffnung, in irgendeiner Form für meine Mühe belohnt zu werden. Ich denke an die Möckernbrücke, an den überaus ekligen Dönergeruch, der mich und jeden anderen Fahrgast beim Aussteigen erwartet. Nicht weil ich Dönergeruch generell eklig finde, sondern weil dieser eine Dönerladen im U-Bahnhof zu den unappetitlichsten gehört, die ich kenne. Ich denke an die lange Treppe, die ich hoch rennen werde, um vermutlich dann meine U1 zu verpassen, so wie es meistens läuft. In 10 Minuten muss ich am Ziel sein. Was geht schneller? Sollte ich vielleicht am Hermannplatz aussteigen und rennen?
Mehringdamm, der Zug steht etwas länger, um auf den anderen zu warten, ich werde ein wenig unruhig, ich hasse es zu spät zu kommen. Die Bahn leert sich, ich finde einen Sitzplatz, Leute strömen in die Bahn und es wird wieder eng. Eine Dame mit unförmigem Hinterteil stellt sich vor mich, so dass mein Gesicht nicht unweit von ihrem Hintern ist. Wieso macht sie das denn? Ich würde doch nicht irgendjemandem meinen Hintern ins Gesicht strecken. Oder doch? Ich lehne mich nach hinten, möglichst weit von diesem Ungetüm entfernt. Zum Glück ertönt die dröhnende Stimme, die das Einfahren in den U-Bahnhof Möckernbrücke ansagt. Ich stehe langsam auf, ich muss schließlich aufpassen, nicht mit dieser Frau zusammen zu stoßen, ich fühle mich ernsthaft von ihr abgestoßen. Erleichtert steige ich aus der Bahn und ohne Nachzudenken atme ich tief ein und die nächste Ekelwelle überkommt mich: Döner, ekliger, mit ranzigem Fett gemischter U-Bahndöner. Schnell die Atemwege dicht machen, losrennen. Es sind viele Menschen unterwegs, ich muss mich vorbeidrängeln, Zusammenstöße sind vorprogrammiert. Mir bleiben vermutlich nur noch wenige Minuten, also nehme ich keine große Rücksicht auf die trägen Menschenmassen, die meinen Weg blockieren. Ich gelange auf die Zwischenebene, diese Brücke über dem Kanal, unter mir fährt gerade eines dieser Touristenboote, die dich auf dem Wasser zu den Sehenswürdigkeiten bringen. Doch was sind diese Sehenswürdigkeiten? Ist es die Dönerbude, die ich glücklicherweise gerade hinter mir gelassen habe? Ist es das Brandenburger Tor und die Museumsinsel? Ist es das nette Café bei mir um die Ecke, wo man so schön sitzen und schreiben kann? Was ist es würdig, gesehen zu werden? Vermutlich hat jeder seine eigene Würdigkeitsskala, bei denen im Boot unter mir werden das Brandenburger Tor und Co. wohl die obersten Plätze belegen. Vielleicht ist aber auch ein jüngerer Mensch dabei, der wegen seinen Verwandten dabei sein muss, und dessen Skala ganz anders aussieht? Also kann man auch nicht anhand eines Ortes feststellen, was die Menschen dort als sehenswürdig erachten und was nicht.
So habe ich mich nun ertappt, wie ich einer ganzen Altersgruppe eine bestimme Skala zuschieben wollte, nämlich die, wo das Brandenburger Tor ganz oben steht und das nette Café bei mir um die Ecke bestimmt nie auftaucht. Mache ich das öfter so? Klar, immer wenn ich im Ghetto bin, da häufen sich die Vorurteile, gemischte Gefühle gegenüber den homogenen Menschen sprudeln aus mir heraus und auf einmal sind die Türken und Araber an allem schuld. Hm, dass ich das, nachdem ich darüber nachgedacht habe, nicht wirklich denke ist mir klar. Dennoch wäre eine genauere Untersuchung dieses Vorgangs interessant. Was denken sich die Türken? Und was die Araber? Und was ist mit allen anderen Ausländern? Eigentlich hat doch jeder genau das, was ich eben an mir gemerkt habe. Jeder hat seine Vorurteile, oft sogar sehr ausgeprägt, mal gegen Deutsche, mal gegen Türken, in dem Punkt sind wir wohl alle gleich. Der Unterschied liegt wohl darin, dass die wenigsten ihre Vorurteile bemerken und mit Aufgeklärtem Denken die Luft aus den Segeln nehmen. Die meisten agieren wohl aus blinder Wut oder sind einfach so sehr mit existenziellen Fragen beschäftigt, dass kein Platz bleibt für Überlegungen über das Selbst. Was wäre, wenn jedem Menschen seine Vorurteile bewusst wären und er lernen würde, damit umzugehen? Das wäre bestimmt eine tolle Welt. Andererseits haben vielleicht alle anderen Menschen genau diese Überlegungen, die ich hier anstelle, schon längst gemacht und haben sich dann ganz bewusst entschlossen, ihrer durch Vorurteile geschürten Wut freien Lauf zu lassen, weil es einfacher ist, weil man sich so profilieren kann, weil es Spaß macht. Ich hoffe es ist nicht so. In diesen trüben Gedanken verloren und deren Ausgangs unbefriedigt gelange ich also ans Ende der Brücke, die sich anstauenden Menschen und die Notwendigkeit, eine Lücke zu erspähen reißen mich aus meinen Überlegungen.
Die U-Bahn fährt oben ein. Ich höre sie einfahren, renne die Rolltreppe rauf, es gibt hier aus irgendeinem Grund nur Rolltreppen und keine normalen Stufen, ist mir aber gerade egal. Warum, zur Hölle, ist die Rolltreppe voll mit Menschen die bewegungslos artig und geduldig auf die Ankunft warten, wo doch gerade die Bahn einfährt, und es eben genau der Moment im Alltag ist, an dem man sich für gewöhnlich beeilt. Was hält die Leute nur zurück? Ist es so gemütlich, sich hochfahren zu lassen, oder ist es einfach nur schön warm mitten in den anderen Menschen? Was würden sie antworten, wenn man sie fragen würde? Ist mir alles egal, ich schubse und drängle mich durch und verpasse schließlich die Bahn. Die Tür geht mir vor der Nase zu, irgendwelche türkischen Jungs lachen mich aus dem Innern der Bahn aus weil ich mich sichtlich ärgere. Sechzehn Uhr Zwei. Die Uhren am Bahnhof versuchen mir höflich, aber eindringlich zu sagen, dass meine Mühe umsonst war, es keine Belohnung gibt und mein Pflichtbewusstsein mich mal wieder unnötig gehetzt hat. Doch noch habe ich nicht verloren. Drei Minuten später stehe ich also in der Bahn, drei Stationen später öffnen sich die Türen am Kottbusser Tor. Fünf Minuten später betrete ich die Brücke am Maybachufer. Ich erblicke den Schirm, der mich schon oft vor Regen und Schnee geschützt hat. Unter mir wieder derselbe Kanal von vorhin, diesmal voller Enten und Schwäne, alle recht grau und dreckig. Ein paar Wolken Schwanexkremente heben sich mit ihrem Hellbraun vom Dunkelbraun des Wassers ab und ich wende mich wieder den Menschen zu. Geklaute Fahrräder werden mir angeboten, ein sehr kleiner Mann bettelt, Kinder verkaufen auf alten Laken ihre Spielsachen und die dicke Frau mit ihrem roten Dreirad mit angebauter Ladefläche, die in diesem Fall als Verkaufsstand dient, preist mal wieder ihre Strickware an. Jeder versucht den anderen zu übertönen, jeder will als erstes seine Fahrräder loswerden. Das ganze Gewusel geht mir auf die Nerven, mir wird bewusst, dass genau dieser Ort für die nächsten vier Stunden mein Arbeitsplatz sein wird und ich frage mich, ob es nicht unten bei den Schwänen schöner wäre.
Zwanzig Minuten bin ich also zu spät, mein Chef ist schon weg, einsam steht der Stand in der Ecke, überall Krusten aus Taubenkot, dahinter stylische Kreuzberger im Edel-café. Eine eindrucksvolle Geräuschkulisse aus Marktschreiern, Autos ohne Rußpartikelfilter, diskutierenden türkischen Männern und laut schimpfenden Frauen. Wehmütig mache ich den Schirm auf, hole das Material aus dem Stand raus, lege alles ordentlich vor mich hin, nehme noch einen Schluck Wasser und versuche mich innerlich für die nächsten Stunden zu wappnen. Jacke richtig zu machen, Schal enger ziehen, tief durchatmen und los geht’s : „Die Süddeutsche zwei Wochen kostenlos probelesen!“ „Wollen Sie die Süddeutsche kostenlos probelesen?“ „Haben Sie Interesse an der Süddeutschen?“ Ich habe das Gefühl, dass kaum einer der Anwesenden versteht, was da aus meinem Mund kommt. Keiner hat Interesse an den Zeitungsabos, die doch Lust machen sollen, zu lesen und sich zu informieren. Irgendwas ist da faul. Warum stehe ich genau in dem Bezirk mit dem vermutlich größten Ausländeranteil und verkaufe „Süddeutsche“ Zeitungen? Um diejenigen, die kein Deutsch sprechen, mit der deutschen Sprache vertraut zu machen? Ich bekomme Lust, den Stand einzupacken und diesem sinnlosen Rumstehen ein Ende zu setzen, als plötzlich eine ältere deutsche Frau auf mich zukommt, als würde sie irgendetwas haben wollen:
„Sie haben doch diese dreiwöchigen Probeabos, oder?“
„Das sind die zweiwöchigen, die Probeabos. Ja, die versuche ich hier zu verschenken.“
„Nein, nein! Ich will das dreiwöchige für neun Euro!“
„Ach, Sie wollen dafür zahlen? Ja klar, hier, bitteschön, einmal ausfüllen und innerhalb der drei Wochen wieder kündigen, sonst müssen Sie voll bezahlen.“
„Ja Ja, das weiß ich doch alles, hier, bitte, danke, tschüss!.“
„He! Halt! Sie bekommen noch ein Buch geschenkt als Dankeschön!“
Und so geht also die einzige Person, die mit meinem Angebot etwas hat anfangen können, ohne einen der „50 besten Romane des 20.Jahrhunderts“ mitzunehmen, davon.