Fliegen wir ein bisschen – wie wärs, ein bisschen höher, ein bisschen schneller, immer weiter in den Himmel hinauf, dorthin, wo noch nie ein Mensch gewesen ist. Nichts weiter als Luft, Wolken, vielleicht mal ein Vogel oder irgendein menschlicher Gegenstand, Schrott, oder vielleicht sogar etwas aus dem Weltall, irgendein Stein, ein Meteoritensplitter, auf den wir aufsteigen, von Planeten zu Planeten hüpfen, frei in Raum und Zeit sind. Wie spannend.
Doch die Enttäuschung ist unabwendbar, wir sitzen alle in der Wartehalle vom Flughafen, man durfte nur einen Koffer mitnehmen, der höchstens 20 Kilo zu wiegen hatte, also haben wir noch ein paar Bücher da gelassen, das Puzzle und die zweite Tasche. So erreichte der Koffer ein Gewicht von 19,8 Kilo, zufriedenstellend für die Sicherheitsbestimmungen der Fluglinie. Beim Check-in wird uns beiläufig mitgeteilt, dass unser Flug ca. 1 Stunde Verspätung hat, also noch gut 2 ein halb Stunden zu warten, falls alles gut geht. Die Sicherheitskontrolle liegt auch schon hinter uns, wenn man eine Telefonzelle findet, um im Zielort die Verspätung bekannt zu geben, sich für einen Moment seiner Klamotten und Tasche entledigt, muss man also bemerken, dass das Ding nur mit einer vorher erworbenen Karte zu bedienen ist, und nicht etwa mit herkömmlichen Münzen. Alles Dinge, in ihrem Pragmatismus und ihrer Alltäglichkeit der besonderen Flughafenroutine dermaßen langweilend und einengend, dass sich jegliche mit dem Fliegen verbundenen Fantasien in den ersten Kurven der Flughafen-Parkanlage verflüchtigen.
Also Tasche wieder auf die Schulter, Klamotten über den Arm los um eine andere Zelle zu suchen. Man findet nur eine futuristische Internet-Säule, gut, es gibt ja Seiten, da kann man umsonst SMS verschicken, dann kann man so Bescheid geben. Man stellt bzw. lehnt sich besonders ungemütlich an diese Säule, die so einladend und angenehm ist wie Cheron, der dich über den Acheron tiefer in die Tiefen der Vorhölle bringt. Der Gedanke an diese Internet-Konstruktion nimmt einem dann doch die Lust, gedanklich in mittelalterlichen Höllenreisen mitzureisen. Man will die Augen schließen, und diese Massen an Reisende abfertigende Halle zu verlassen und sich seinen ganze eigenen Fantasiereisen hinzugeben.
Nix da. Menschen müssen benachrichtigt werden, dass die Reise nicht klappt wie geplant und man sich auf beiden Seiten darauf einstellen muss, sich ungewöhnlich lange auf dem Flughafen aufzuhalten. Internet. Zurück zum Bildschirm. Im Vergleich zu der Konstruktion um ihn herum ein relativ bekanntest und gewöhnliches Objekt der Moderne. Ok, sieht alles ganz gewöhnlich aus, man sieht eine Adressleiste, in die man den Namen des Webmail-Anbieters eingibt. Nach der Eingabe der Adresse bemerkt man, dass man diesen Service nur benutzen kann, wenn man irgendwo Mitglied ist und eine entsprechende Karte besitzt, von der der fällige Betrag dann abgebucht wird. Auf jeden Fall kann der normale Fluggast dort nicht das Internet nutzen. Der normale Fluggast muss sich also diesen ganzen ermüdenden Sinneseindrücken hingeben, da man ja Pflichtbewusst seinen Mitmenschen Nachricht von sich schicken will, um dann mit nichts wieder aus dieser Ecke zu gehen, höchstens etwas mehr Stress und Unbehagen im Gepäck. Der Ehrvolle Plan wird aufgegeben, haben die Abholer am Zielflughafen halt Pech und man sucht sich seinen Platz auf den Bänken des Wartens. Des stundenlangen Wartens und Beobachtens. So sitzen wir alle resigniert wartend auf den zumindest halbwegs gemütlichen Bänken, rote Polster. Manche kennen sich und unterhalten sich, die meisten aber nicht. Man schaut sich an, manch einer hat seinen Laptop offen und kümmert sich beschäftigt um seine Arbeit oder lässt sich einfach unterhalten, viele Lesen ein Buch, manche hören Musik, die meisten schauen allerdings vor sich hin und warten. Hier treffen sich die Nationalitäten, man hört viele verschiedene Stimmen, verschiedene Sprachen, ruhige aber auch hektische und aufgeregte Klänge. Wohin nun mit sich selbst und der Zeit? Es kommt Lust auf, Geld auszugeben für ungefähr zwei Minuten Schokoriegel-Unterhaltung. Im Flughafen ist einem das geforderte Geld dann zum Glück doch zu viel und man begibt sich auf eine Reise in die wirtschaftlichen Grundprinzipien eines Flughafenbetriebs, weiter zu Fluggesellschaft und dem Betrieb innerhalb der Flugzeuge, weiter zu Reiseveranstaltern im Allgemeinen usw. bis zur Regierung des Landes und spätesten dann fängt es einen an anzuwidern, man verabschiedet sich von der unangenehmen Reise und nimmt dann doch lieber den Fantasy-Roman aus der Tasche.
Welch anmutende und reizende Engelsstimme nun den Einstieg ins Flugzeug ankündigen würde, wenn die Lautsprechanlage nicht jeden Laut in ein knackendes und dröhnendes Krächzen verwandeln würde, das bei jedem halbwegs sensiblen Menschen den Stresspegel Augenblicklich in die Höhe rasen lässt. Als wäre das nicht genug drängen sich jetzt alle Menschen zu einer dichten und verschwitzten Masse zusammen, schließlich hat man mehrere Stunden gewartet und muss sich jetzt gegenseitig auf die Füße treten, um Zutritt zum erlösenden Transport zu erlangen. So steht man dann also doch noch 20 Minuten blöd in der Halle rum, trippelt langsam vorwärts, wird durch die Pass- und Boardkartenkontrolle geschleust und kann endlich aufatmen, wenn man doch noch vor der anstehend Einengung der Flugzeugkabine ein paar Schritte mit mehr als ein paar Atemzüge Sauerstoff um sich herum gehen kann. Dann sitzt man also im Flugzeug, zwischen zwei fremden Menschen, der eine piept mit seinem Telefon, der andere hält die klassische überdimensionale Zeitung geöffnet vor sich und wenn man selber etwas längere Beine hat, so sind auf Grund der Platzzahlmaximierung an Bord von Flugzeugen die eigenen Laufwerkzeuge unbeweglich zwischen Rückenlehne und Vordersitz eingeklemmt. Es folgen die üblichen Sicherheitsbelehrungen, ein paar schlechte Absturz. Und Weltuntergangswitze seitens der Crew. Nebenbei drängt sich die Frage auf, warum an Stelle der Schwimmweste keine Fallschirme unter dem Sitz befestigt sind, wird dann wieder verdrängt und man greift zum Katalog vor sich. Immer noch besser als den miserabel bezahlten und mühselig lächelnden Hampelmännern bei den Sicherheitsvorführungen zuzusehen. Der Flug verläuft dann immer gleich, brav sitzt man da und schnallt sich an, beschäftigt sich mit der mitgebrachten Beschäftigung, bekommt mehrmals unglaublich appetitliche Dinge angeboten, die für ihre Appetitlichkeit sicherlich den angemessen Preis erfordern, man Schaut den Wolken zu und versucht sich wieder ein bisschen in Gedankenreisen, fern von der grässlichen Umgebung, in der man sich befindet, und schließlich landet man. Man landet und man freut sich, man freut sich endlich aus all diesen absurden und trivialen Problemen Abschied zu nehmen, sie im Flughafen als reine Flughafenprobleme zurückzulassen und nicht mehr darüber nachzudenken. Manchmal wird geklatscht, aus Erleichterung, aus Freude, aus Anerkennung dafür, dass die Leute im Cockpit ihre Arbeit machen, so wie der Müllmann die vollgeschissenen Windeln unserer Babys morgens wegbringt. Die Menschen freuen sich einfach, neuen Problemen entgegentreten zu können. Und wenn sie das Reisen im Flugzeug genossen haben, sind sie herzlich eingeladen, sich wieder der ganzen Prozedur zu unterziehen. Vielen Dank und schönen Tag noch.