Durch die Bahn

Die Tür fällt zu, ich drehe den Schlüssel zweimal herum und verlasse mein Haus, überquere den Hinterhof und stecke mir dabei meine Kopfhörer in die Ohren. Als ich auf der Straße ankomme, merke ich, dass ein Teil meines einen Kopfhörers abgebrochen ist. Verdammt nochmal, denke ich, gerade heute, wo ich mich so gefreut habe mich mal wieder von aufregender Musik begleiten zu lassen. Naja, egal. Ist halt so.

Ich geh weiter runter in die U-bahn, den alten Bunker mit seinen Schutzräumen. Wer weiß wieweit sich das unterirdische Labyrinth noch erstreckt. Die U8 fährt gleich ab, die Leuchtschrift blinkt schon. Ich steige vorne ein, muss aber nach hinten, so beginnt mein mühseliger Weg durch die Menschen, Hunde und Kinderwagen des neuköllner U-Bahn Wagons. Zum Glück ist es eine neue Bahn und ich kann durchlaufen. Als allererstes zwei Frauen mit Kopftuch, mit zwei Kinderwägen, mehreren Einkaufstüten und einer kleinen lauten Rasselbande türkischer Jungs. Man könnte meinen sie hätten extra drauf geachtet, den Durchgang dicht zu machen, so schwer war es für mich durchzukommen. Doch meine Gewohnheit ließ keine große Verwunderung aufkommen. Ein wenig irritiert bewege ich mich weiter im Menschendschungel, nun auch noch durch das ruppige Anfahren der Bahn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht falle ich auf einen stinkenden Herren, der so aussieht, als hätte er seit 10 Jahren seine Kleidung nicht abgelegt. Ich versuche, meine Nase dicht zu machen, doch es fällt mir nicht leicht. Ich entschuldige mich, bekomme ein unfreundliches Raunzen als Antwort und gehe nun doch etwas genervt weiter. Der Fahrer dieses Zuges ist Schuld, wie kann man den nur so ruppig anfahren und bremsen? Nun fang ich schon an meinem Stress in der Abneigung gegenüber jeglichen Menschen Raum zu geben. Nicht ohne Wohlgefallen. In diesem Bewusstsein gelange ich nun ungefähr in der Mitte des Zuges an. Leinestraße. Eine Gruppe Jugendlicher Strömt in den Zug, sie schreien rum, schubsen sich. Ich muss stehen bleiben und ausweichen. Sie machen sich auf den Sitzen links und rechts breit, strecken die Beine aus und ich muss ein paar komplizierte Schritte machen, um über diese Hindernisse zu gelangen und ernte dafür auch noch Gelächter. Jetzt reichts. Ich beschleunige meinen Schritt, ich muss gleich aussteigen und ich will ja schließlich das Ende des Zuges erreichen, um am richtigen Ausgang zu sein. Ein Motzverkäufer gibt seine Zeitungen zum Besten, ich erkenne den einen Crackjunkie von der Hermannstraße, arbeite mich noch an ein Paar Kinderwagen und einem Rollstuhl vorbei und komme nun, endlich, an das Ziel meines beschwerlichen Weges. Die Türen gehen auf, die Herointicker schauen sich um, ich kenne mittlerweile so gut wie jedes Gesicht. Am anderen Gleis kommt mir eine Kindergartengruppe mit Erzieher entgegen. Derjenige, den ich für mich als Anführer abgestempelt habe, telefoniert erregt auf Arabisch, legt auf und fängt an zu laufen, an mir vorbei. Ich laufe ihm hinterher in Richtung Ausgang. Plötzlich höre ich vom anderen Ausgang her lautes Rufen, vor mir kommen ein Paar Polizeibeamte die Treppe runter und rennen los. Ich vermute mal, sie haben sich entschlossen, endlich was gegen die Herointicker zu unternehmen, doch wahrscheinlich handelt es sich um etwas ganz anderes.

Der Anführer bewegt sich gemächlich die Treppe hinauf, oben angekommen sehe ich so etwas wie Erleichterung in seinem Gesicht und denke an meine eigene Erleichterung, endlich die U-Bahn hinter mir gelassen zu haben. Dabei wollte ich doch nur ein wenig Zeit sparen.

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Eine Antwort zu Durch die Bahn

  1. Jannuschka schreibt:

    Ja geil, so gehts mir dauernd… Wilkommen in Neukölln! Wobei: hier in meinem Kiez in Paris ist es auch nicht viel anders… Gut, dass die Gewohnheit davon den größten Teil ausblendet!

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