Ich komme von einer öffentlichen Theaterprobe einer italienischen Gruppe am Ostbahnhof. Da es kurz vor acht Uhr ist und ich es nicht zum üblichen Supermarkt schaffe gehe ich zu Lidl im Bahnhofsgebäude. Kalt und dreckig, genau der richtige Ort für einen Lebensmittelladen. Kürbiskernbrot, Scheibenkäse, eine Tafel Schokolade und zwei Bananen. Die wurden bestimmt ganz grün gepflückt und dann in Europa mit synthetischen Aromastoffen aufgeputscht, damit sie überhaupt nach was schmecken. Egal, hab Lust auf Bananen, ist ja auch gesund. In der S-Bahn sitzt mir ein sympathischer Mann gegenüber, er liest etwas in ausgedruckten Blättern und freut sich, „wie geil“ höre ich ihn lachen. Etwas weiter ein junger Mann, Fast-food verzehrend, laute Geräusche und wilde Mundbewegungen, irgendwie eklig.
Ich hab in der Zeit meine Banane geschält und gegessen, sie hat nach Banane geschmeckt, was mich freute. Schließlich habe ich nur noch die Schale in der Hand und fange aus Langeweile an, sie in ihre ursprüngliche Form zurückzubringen, indem ich die einzelnen Schalenteile mit komplizierter Fingergymnastik aneinander halte.
Es brennt in einem meiner Finger, es ist der kleine.
Ich untersuche dieses seltsame Geschehen, nichts zu erkennen. Ich halte ihn wieder an die Schale, nichts, etwas weiter oben, weiter nach rechts, da, es brennt wieder. Ich halte einen anderen Finger an die Stelle, nichts. Den kleinen Finger an eine andere Stelle, nichts. Nur wenn er diese kleine besondere Stelle mit dem länglichen braunen Fleck berührt brennt er, er brennt wie als wären Feuerameisen drüber gelaufen. Voll im Bann dieser Empfindungen habe ich die ganze Außenwelt vergessen. Gleich muss ich aussteigen. Ich betrachte diese Bananenschale. Sie kommt aus Afrika, ja, sie kommt aus Afrika, wir haben jeden Tag Gegenstände in der Hand, die eine so weite Reise aus einem uns so fremden Land hinter sich haben, und denken einfach nichts dabei. Sie hing an ihrem Baum in der Nähe eines Dorfes mit hungernden Kindern. Jetzt steige ich aus, schaue sie mir noch einmal an und werfe sie in den roten Restmülleimer vor der Rolltreppe wo die träge Menschenmasse sich hochbefördern lässt.
Genau der richtige Ort für Lebensmittel.
Der Mikrokosmos Supermarkt ist leider eine viel zu wenig thematisierte Gefahr, die man nicht anders als boykottieren kann….