Zeitströme

Ich beobachte zwei große Strömungen meiner Zeit: die einen versuchen jedes bisschen Zeit sinnvoll zu investieren, studieren, arbeiten, lernen und bereiten sich auf ihre Zukunft vor. Sei es Familie, Reisen, Träume verwirklichen. Die anderen haben keine Träume, oder besser, sie haben keine Zukunft, an die sie denken könnten. Nein, besser noch, sie haben mit ihrer Zukunft, mit der Zukunft der Menschheit abgeschlossen. Das Leben im Hier und Jetzt ist alles was zählt. Denn alles was später kommt, löst sich in Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit auf. Alles Tun und Denken wird nichts bringen und nichts ändern. Dass Menschen zu diesem Schluss kommen, zeigt an und für sich auf, dass der Wille, prinzipiell über die Zukunft nachzudenken vorhanden ist. Die geistige Abwesenheit des Denkens in der Zukunft kann also als Form von Protest aufgefasst werden, eine Art des Tuns gegen das zukünftige Tun. Eine aktive Behinderung der Entwicklung der Menschheit. Eine Spaltung zwischen Menschheitsfreunden und Menschheitsfeinden, oder besser, Zukunftsbetreibern und Zukunftsvernichtern findet statt.
Zurück also zur Zukunft, die es nicht gibt, oder besser zur Gegenwart, die das einzig entscheidende ist, in der sich aber die Frage der Zukunftsgestaltung stellt, die teilweise eben angenommen, teilweise fortgeschoben wird. Wie denkt der Mensch nun dieses Problem zu lösen? Selbstmord ist wohl die schnellste Antwort auf diese Denkweise. Selbstmord als Erlösung vor den bedrückenden Fragen der Zukunft. Diejenigen, die die oben beschriebene Protesthaltung des nicht-an-die-Zukunft-Denkens praktizieren, haben sich eigentlich ihrer eigenen Zukunft beraubt und somit bereits einen Selbstmord begangen, insofern, dass durch ihre Verweigerung gegenüber der aktiven Zukunftsgestaltung der Geist und die Seele nur noch passive Gegenstände dieser Welt sind. Nur beeinflusst durch externe Faktoren. Ohne eigenen Antrieb. Diese selbstzerstörerischen Optionen scheinen, wenn man sich der Probleme des modernen Menschen bewusst ist und darunter leidet, durchaus Möglichkeiten zu sein, das Problem Menschheit erfolgreich im Keim zu ersticken. Es wäre für Flora und Fauna der Erde eine unglaubliche Befreiung, würde der Mensch ihnen endlich mal den Gefallen tun, sich auszulöschen. Vermutlich wird er dies so oder so tun, egal mit welcher Weltanschauung. Wie findet man also die Kraft, etwas „Vernünftiges“ zu tun, sich nicht den Drogen oder den sonstigen Ablenkungsmöglichkeiten, derer es in Überfluss gibt, hinzugeben? Was ist in unserer Situation sinnvoll? Worin liegt im 21. Jhd. der Sinn der Existenz der menschlichen Spezies?
Man muss das tun, was einen erfüllt und glücklich macht, ist oft eine Antwort, in der sich dieses ganze Problem aufzulösen scheint. Wenn ich eine Tätigkeit finde, die mich erfüllt, bin ich glücklich, okay. Das funktioniert nur nicht, wenn man unglücklich damit ist, zu verdrängen und sich von jeglicher Zukunftsplanung zu verabschieden oder man im Allgemeinen von Existenzfragen heimgesucht und festgehalten wird. Wie oft beneidet der ständig selbstreflexive Mensch diejenigen, die scheinbar frei sind von all den abstrakten Qualen, die unserem mehr oder weniger hoch entwickelten Verstand entspringen?
Es funktioniert vor allem dann nicht, wenn man mit Menschen zusammen lebt, die einem ständig vormachen, wie sinnlos doch das ganze Leben ist und das man es daher ja ruhig zum Fenster rausschmeißen kann, seinen Körper vergiften, sein Gehirn ausschalten oder mit irgendwelchen Mitteln auf wahnwitzige Wege schubsen kann, die für eine kurze Zeit Spaß und Sorglosigkeit bringen, am Ende liegt man doch wie ein Häufchen Dreck am Straßenrand. Mutter Natur würde sich wohl etwas entehrt fühlen, wenn sie sehen würde, wie wir, die angebliche Spitze der Schöpfung, nicht mit dem ganzen Dreck klarkommen, den wir uns geschaffen haben, und dann nicht einmal in der Lage sind, etwas aufzuräumen und sauber zu machen. Im Gegenteil, wir machen uns selber zu wertlosem Dreck, den man ruhig wegwerfen kann. Kann man sich ja gleich umbringen und unser Umwelt nicht mit unserer Präsenz belasten.
Verantwortung scheint das zentrale Wort unserer Generation zu sein. Eigentlich die Flucht vor Verantwortung. Der Verantwortung eines jeden Lebewesens, alles in seiner Macht stehende zu tun, um mit der Umwelt zu harmonisieren und ein ausgeglichenes, friedvolles Miteinander der Lebensformen zu erreichen. Wie schwer muss diese auf unseren Schultern wiegen, wenn wir größtenteils widerstandslos unter ihr zusammenbrechen?
Die Lösung des einzelnen ist oft Abschottung. Man macht Dicht, um sich nicht von dieser unfassbaren Hoffnungslosigkeit überrempeln zu lassen, um seine eigenen, privaten Hoffnungen am Leben zu erhalten. Man weiß, wie schwer und einseitig ein Leben ohne Hoffnung ist. Doch ist die Hoffnungslosigkeit nicht dann am größten, wenn man ganz allein da steht, sich wehren muss vor der Außenwelt, vor seinen Mitmenschen? Geht es um die Zukunft des Einzelnen, der alleine nichts erreichen kann, oder um die Zukunft der Einheit Mensch, die es nicht mehr zu geben scheint? Geht es um die kleine Kunst des Überlebens Tag für Tag oder um die große Kunst des Überlebens von Jahrhundert zu Jahrhundert, Epoche zu Epoche?
Der zentrale und wichtigste Punkt scheint zu sein, dass diejenigen, die eine Verantwortung für den Menschen in sich spüren und auch den Mut haben, sich dieser Verantwortung zu stellen, sie zu verarbeiten, zu bearbeiten und in etwas neues umzusetzen, dies auch tun. Es mag ein schwerer Weg sein, der auch zu viel Unglück führt und auf dem die Hoffnung nicht immer leicht zu halten sein wird, doch ist es eine Alternative zu der Statik einer kaputten Gesellschaft. Die Frage, worin der Sinn einer Verantwortungsübernahme liegt, ob es nicht eine Last ist, die einem das Leben schwer macht, wird vermutlich nie ganz zu beantworten sein. Es bleibt die Hoffnung, dass am Ende des beschwerlichen, umkämpfend und von Verantwortungsübernahme gepflasterten Lebenswegs eine alles erlebte und alles nicht erlebte überschattende Belohnung auf einen wartet, und sei es die Erlösung in das Nichts.

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3 Antworten zu Zeitströme

  1. KoH schreibt:

    OM NOM NOM NOM… XD
    Ja, das hatten wir ja jetzt schon mehr oder weniger ^^..
    Das soziale Gleichgewicht geht immer mehr in’n Arsch, das suggeriert “Sinnlosigkeit”, gerade für “sozial schwächere” Familien. Sie steckt doch schon in den Worten, Mann ^^
    Fiel mir gerade auf.. whatever..

  2. Josephine schreibt:

    Da fällt mir schonwieder der Erdkundeunterricht ein.
    ‘Hey, du bist einer von DEN 20% der reichen auf dieser Erde, die 80% aller Rohstoffe, von allem Überlebenswichtigem beanspruchen. Sei doch froh, denn die anderen 80% der ärmeren Menschen müssen sich die anderen 20% an Nahrung etc teilen.’
    So, ich soll also froh sein, glücklich und zufrieden? Und wenn ich das aber nicht bin?
    Ja, ich bin vielleicht undankbar. Habe viel und doch nicht genug. Und was fehlt mir? Doch nichts.
    Ausser dass es mich quält, der Gedanke, andere haben nichts oder viel weniger, irgendwo anders sterben Menschen am Hungertod. Tut mir Leid dass ich mich da nicht darüber freuen kann wie gut es mir doch geht!
    Und ja, ich weiß dass da keiner was dafür kann. Jeder wird irgendwo reingeboren. Ich hatte Glück, aber das heißt noch lange nicht dass ich das maßlos genießen kann!
    Was also tun?
    Und sowieso. Eigentlich bin ich doch die Sorte Lebewesen, wie im Text so schön beschrieben, die den Menschen hassen. Verwöhntes Stück Dreck, der Mensch. Nichtnutz und dumm, seine Umwelt und somit seine Zukunft.. sich selbst zu zerstören. Keine anderes Tier ist so unvorsichtig und respektlos wie die Rasse Mensch.
    Also sterbt doch alle. Dann fängt es halt bei den armen an und die reicheren werden auch noch folgen. Ziel erreicht, die Natur gerettet!…?
    Doch die Schäden sind schon zu groß, der Mensch gefärdet nicht nur sein eigenes Leben. Sondern das von jedem Lebewesen inklusive der Natur.
    Was also tun?
    Was also tun?
    Helfen. Oder? Ohne aussicht? Ein einzelner kann nichts bewegen?
    Und ob! Sich selbst zerstören ist keine Lösung, denn wer sich zerstört, tut das oft weil er nachgedacht hat und weiß, es gibt kaum Hoffnung. Aber es gibt sie doch. Und zwar mit jedem dieser Menschen der bestehen bleibt.
    Nachdenken ist nicht schwer, aber oft auch nicht schön, was dabei rauskommt kann töten, innerlich. Aber es macht einen auch stark.
    Ich will kämpfen. Nicht gegen den Menschen, aber mit der Natur, für das Leben. Das Leben von jedem, der es Wert ist und der einsieht, dass er nicht alleine hier ist.
    Willst du mit mir kämpfen?

    Soviel dazu. Wenn dir meine Kommentare zu lang sind sag bescheid. Ich find deine Texte nur sehr gut und sie inspirieren mich immer dazu ‘ein bisschen was’ zu Antworten und das Ufert oft aus ^^’ Sorry.

    Schöne Grüße
    Josie

    • lafauci schreibt:

      Nein ich freue mich riesig über solche Kommentare! Dazu ist dieser Blog da, einfach drauf losschreiben! Und ich finde das was du schreibst auch für mich hilfreich die Dinge klarer vor Augen zu fassen. Also zum Beispiel deine Sicht auf den Sinn des Selbsterhaltungstriebs finde ich ganz wunderbar. Wenn also jeder von uns dazu beiträgt, auch nur ein paar Lebewesen und Lebensräume zu bewahren, erfüllt er schon den Zweck seines Daseins, auch wenn das Ende in Sicht ist. Wobei noch die Frage offen ist, ob der Mensch nicht den ganzen Planeten zerstören wird und sich im Endeffekt als einziges Lebewesen auf einen anderen Planeten retten wird. Ich habe gestern gelesen, dass es auf dem Mars schon mal Leben gegeben haben könnte. Also war dort vielleicht schon mal ein Wesen, das dann alles zerstört hat und dann auf die Erde gekommen ist, ein paar Millionen Jahre (was ist das schon im Vergleich zur Unendlichkeit) sein Unwesen treibt, usw usf. Gehört das alles zur Ordnung der Dinge? Zum Zyklus des Lebens? Wo fängt Schicksal an und wo hört es auf? Teilweise habe ich mich in “Der Mensch als Gott” dieser Frage gewidmet. Ich glaube aber keine Antwort darauf finden zu können…

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