Ich lese, der Mensch habe es endlich geschafft, künstliches Leben im Labor zu erschaffen. Es handelt sich um Bakterien, die dabei helfen sollen, Treibhausgase zu neutralisieren, biologische Kraftstoffe herzustellen und im Bereich der Medizin eine neue Ära einläuten sollen. Der ethische, moralische und religiöse Aufschrei ist groß, die Rede ist von einem Eingriff in die Essenz der Natur selbst, in dem allen Lebens zu Grunde liegenden Vorgang. Es macht sich eine Angst breit, der Mensch habe etwas erschaffen, das ihn überholen und beherrschen wird. Eine eigene Intelligenz, künstlich vom Menschen erschaffen.
Doch müsste man das nicht alles als Teil der ewigen Entwicklung des Lebens sehen? Ist es vielleicht der Weg der Selbstregulierung, die Lösung für alle Umweltprobleme durch das Vernichten und Ersetzen der menschlichen Spezies? So gesehen wäre diese Entdeckung ein in der Natur des Menschen liegendes Phänomen, nichts weiter als eine natürliche Maßnahme. In mittelalterlicher Weltanschauung würde man auch sagen: „Alles was der Mensch tut, ist von Gott gewollt und führt alles in die göttliche Harmonie der letzten Dinge“. Gut möglich, dass alles was passiert, zu einem großen System gehört, das sich eigentlich schon seit dem Anfang des Lebens im Gleichgewicht befindet, uns dieses Gleichgewicht nur nicht offenbart, da es für uns nicht greifbar, nicht wahrnehmbar ist. Wir empfinden unsere Welt als tiefes Ungleichgewicht: Zwischen armen und reichen Menschen, zwischen Mensch und seiner Umwelt, zwischen Gefühl und Verstand. Doch vielleicht ist alles bestens, das große Ganze wird von Mutter Natur behütet und geleitet, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, alles was wir tun steht im Sinne des Gleichgewichts.
Und was wenn nicht?
Gibt es eine Grenze für menschliches Eingreifen in den Lauf der Dinge? Könnte es sein, dass wir schon so weit in der Zeit und der Entwicklung vorgedrungen sind, dass die von der Natur bestimmten Gesetze überholt wurden? Sind wir aus einem Gefängnis ausgebrochen, das uns Millionen von Jahren an diesen Planeten, an unsere Spezies gebunden hat? Bedeutet der Ausbruch die Kontrolle über das Leben? Die Erweiterung unserer Entwicklung auf die anderer Planeten, auf das Universum? Ist die Kraft, die hinter allem steckt, unserer müde geworden und hat sie, da wir uns ins Unkontrollierbare entwickelt haben, uns einfach das Ruder überlassen anstatt uns zu zerstören? Ist Gott reif für die Rente?
Wenn Gott, bzw. die alles antreibende Kraft, in jedem Atom dieser Welt steckt, ist die Antwort einfach: alles gehört zu einem System und ist daher im Kontext dieses Systems im
Gleichgewicht. Was ist dann aber mit der Verantwortung jedes einzelnen Wesens? Gibt es so etwas?
Wenn man davon spricht, der Mensch würde unverantwortlich in Bezug auf seine Umwelt handeln, gesteht man Ihm die Fähigkeit zu, auch verantwortungsvoll handeln zu können oder eben nicht. Also wäre es die Aufgabe jedes Einzelnen nach seinem Verantwortungsbewusstsein zu handeln, wobei es schwierig ist, diejenigen Menschen einzuordnen, die offensichtlich keinerlei Drang verspüren, Verantwortung für die Umwelt im Sinne von allem uns umgebenden zu übernehmen. Diese Menschen wären die Verantwortlichen der Unverantwortlichkeit der Menschheit, und da sie in der Überzahl sind, stellt sich für diejenigen, die Verantwortung übernehmen, das gesamte Problem des Menschen als Menschheit als Leben als Welt als Kosmos, den anderen eben nicht.
Wäre es in einer Zeit, in der sich obige Fragen stellen, nicht wünschenswert, ein eindeutiges Zeichen von Oben zu bekommen, dass das Gleichgewicht der Dinge demonstriert und uns so aus unseren Lasten und unserer Verantwortung erlöst? Ist es Zeit für eine neue Offenbarung Gottes oder ist Gott wirklich unserer überdrüssig? Es würde nicht verwunderlich sein, wenn er sich in seinen gemütlichen Sessel zurückfallen lässt und zusieht, wie sein missratenes Experiment Mensch langsam aber sicher zu Grunde geht, sich die natürliche Selektion weiter fortsetzt, tragischer Weise vom Menschen selbst herbeigeführt.
Der Mensch, der auf die Erlösung seiner Tragödie durch Gott wartet, erlöst Gott vom schrecklichen Zuschauerdasein, der ein solches Trauerspiel, wie es der Mensch aufführt nicht länger zu ertragen vermag. Die Erlösung des Menschen erfolgt in der Lösung Gottes vom Menschen, welche nur vom Menschen selbst herbeigeführt werden kann und mit der Selbstvernichtung der Menschheit vollzogen sein wird. Der Mensch ist Gott.
“die Lösung für alle Umweltprobleme durch das Vernichten und Ersetzen der menschlichen Spezies” – geile Idee! Hammer…
Tja dann sollten wir wohl mit der Vernichtung unserer selbst anfangen, nicht?
Meine Aussage ist in diesem Fall eher eine Provokation, schließlich wäre eine schlichte Menschvernichtungsposition (Nihilismus!?!) doch etwas zu einfach und naja, Realitätsfern. Aber als kleiner Denkanstoß sind solche Zuspitzung doch immer wieder hilfreich, wie ich finde.